Als in Ruswil vor rund acht Jahren erneut über ein neues Gemeindehaus gesprochen wurde, standen nicht pri mär Kredite, Kosten oder Grundrisse im Vordergrund. Stattdessen wurde über die Frage diskutiert, die jede Gemeinde irgendwann stellen muss: Wie wollen wir zu sammenarbeiten – und wo?
2019, an einem nebligen Novembertag, war die Antwort erstmals sichtbar. Die Ruswiler Bevölkerung stimmte dar über ab, wo die Gemeindeverwaltung künftig ihr Zuhau se finden soll. 54 Prozent entschieden sich für das ehe malige Landi-Areal – ein Stück Boden mitten im Dorf. Es war der Startpunkt für einen Weg, der nun immer klarere Formen annimmt. In den vergangenen Wochen sind dort die Bagger aufgefahren. Die bestehenden Gebäude wer den von der Grundeigentümerin Aplafinimo AG abgeris sen – an ihrer Stelle entstehen drei neue Wohn- und zwei Gewerbehäuser. Gleichzeitig wird am östlichen Ende des Areals mit Hochdruck das neue Gemeindehaus geplant.
Mehr als ein Bürogebäude
Doch ein Gemeindehaus ist mehr als ein Bürogebäude. Es ist Treffpunkt, Identitätsträger und Schaufenster ei ner Verwaltung, die täglich mit Menschen zu tun hat. Kein Wunder, dass die Planung nicht hinter verschlosse nen Türen entstehen konnte. «Das neue Gemeindehaus ist für die nächsten 50 oder 100 Jahre das Herz unserer Verwaltung. Daher müssen wir vorausdenken. Viele Ge spräche führen und Fragen klären», erklärt Gemeinde präsident Franzsepp Erni. Dazu gehört der Umgang mit der Digitalisierung, die Einschätzung des Wachstums der Gemeinde, aber auch was in Zukunft die Bedürfnis se der Bürgerinnen und Bürger sind.
Auch in anderen Bereichen wurde sorgfältig vorgearbei tet: Der Gestaltungsplan «Dorfkern Südwest» legte fest, wie sich der untere Dorfteil entwickeln soll – mit Wohn raum, Gewerbe und der denkmalgeschützten «Alten Farb», die direkt neben dem künftigen Gemeindehaus steht. Als klar war, was dieser Ort beinhalten muss, begann das Herzstück des Prozesses: ein zweistufiger Studienauftrag. Der Wettbewerb wurde von der Firma Aplafinimo durchgeführt und finanziert. Von Seiten der Behörden war daher kein Planungskredit notwendig.
Flexible Struktur für die Zukunft
Sieben Architekturbüros erhielten im Frühjahr 2024 die Aufgabe, nicht nur einen Bau, sondern eine Idee für Ruswil zu entwickeln. Die schützenswerte «Alte Farb» sollte erhalten bleiben, aber nicht um jeden Preis. Die Verwaltung benötigt genügend Arbeitsplätze, gut or ganisierte Abläufe und eine flexible Struktur für die Zukunft. Und der Ort sollte ein Stück Dorfzentrum neu definieren. Die Jury, besetzt mit Fachleuten, Gemeinderäten, Ver tretern der Nachbarschaft und der Denkmalpflege, be gleitete diesen Prozess aufmerksam.
In der ersten Stufe ging es um Grundsätze: Wie fügt sich ein neues Gebäude in den historischen Kern? Ist es überhaupt möglich die «Alte Farb» zu erhalten? Wel che Aussenräume entstehen? Als klar wurde, dass die alte Färberei für eine Verwaltungsnutzung zu unprak tisch ist, öffnete sich ein neuer Gedanke: Sie soll ein öf fentliches Haus werden – für Kultur, Vereine, vielleicht kleine Ateliers. Ein Ort, der Ruswils Geschichte nicht nur bewahrt, sondern lebendig hält. Die später gegründe te Genossenschaft «Baukultur Ruswil» wird sich diesem Erbe widmen.
Vier Teams durften ihre Entwürfe in der zweiten Stufe weiterentwickeln. Jetzt wurde jeder Meter geprüft, vom Lärmschutz über die Erschliessung bis zu den prognos tizierten Betriebskosten. Es war ein Ringen um die bes te Lösung, ein Abwägen zwischen Architektur, Alltags tauglichkeit und Wirtschaftlichkeit.
Projekt «zäme» von TGS Architekten
Am Ende überzeugte das Projekt «zäme» von TGS Architekten. Ein polygonales Holzhaus mit vier Geschossen. Kein lauter Solitär, sondern ein Gebäude, das Rücksicht nimmt auf das gewachsene Ortsbild. Publireportage Die Fassade mit ihren fein gesetzten Holzstrukturen verweist auf traditionelle Handwerksbauten, während im Innern moderne, flexible Arbeitsplätze entstehen. Zwei neue Aussenräume – der Gemeindeplatz an der Wolhuserstrasse und der Hofgarten am Chasteleweg – sollen künftig das soziale Leben stärken. Auch wirt schaftlich schnitt der Entwurf gut ab: Kompakt gebaut, mit effizienten Grundrissen und der günstigsten Kos tenschätzung aller Projekte.
Mit dem Abschluss des Studienauftrags begann die nächste Phase. In Kriens, Root und Rothenburg besuch ten die Projektverantwortlichen andere Verwaltungen. Die Architekten beschäftigten sich mit diesen Erkennt nissen intensiv mit dem Innenraum. Wie wird gearbei tet, wo sind die einzelnen Abteilungen untergebracht? «In der Bearbeitung stellte sich heraus, dass mit der Di gitalisierung deutlich weniger Platz für Archive und Ab stellflächen notwendig ist, so dass mehr Raum für ver schiedene Arbeitsformen und den Kundenbereich zur Verfügung steht», erklärt Projektleiter Stefan Koch von den TGS Architekten. Im nächsten Schritt schliesst die Gemeinde nun die Vorprojektplanung mit der Baukos tenermittlung ab. Damit wird der Baukredit vorbereitet, über den die Ruswiler Bevölkerung voraussichtlich im September abstimmen wird.
Zeitungsausschnitt aus dem Anzeiger vom Rottal vom 19.03.2026
